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Sonntag, 24. Mai 2020

MINA UND DIE TRAUMZAUBERER – Die Welt hinter dem Traum



MINA UND DIE TRAUMZAUBERER (2020) ist ein dänischer computeranimierter Familienfilm über Traum und Wirklichkeit und den gegenseitigen Einfluss zwischen beidem. Gefährlich wird es in diesem auch für Erwachsene unterhaltsamen und amüsanten Kinderfilm, wenn die Grenzen zerfließen. Die Animation ist ansprechend bunt, übersichtlich, aber hat an den richtigen Stellen einen spannenden Sinn fürs das Kleine, fürs Detail.

Grundlage ist eine einfache Story um eine Patchwork-Familie, die sich zusammenraufen muss, aber es zunächst nicht schafft. Vater mit Tochter, Hauptfigur Mina, ziehen zusammen mit Mutter und Tochter, Zwangs-Schwester Jenny. Jenny ist auf den ersten Blick ein typisches überkandideltes Smartphone-Instagram-Mädchen, das auf Follower scharf ist und auf der Bühne von der Masse bejubelt werden möchte. Sehr schnell hassen die beiden sich, und als Mina mitbekommt, dass Jenny über sie und ihren schön-hässlichen Pullover öffentlich im Netz spottet, geht sie zum Gegenangriff über. Da Mina unzufrieden ist mit der Wirklichkeit, will sie ein neu entdecktes Instrument nutzen, um diese zu ändern.

Eine erste Traum-Sequenz gleich am Anfang ließ schon ahnen, dass das kein einfacher Familienfilm wird. Man ist in einem Traum Minnas, der eine Ahnung dessen ist, was kommen wird. Eine geordnete, harmonische Welt gerät in Unordnung, in Auflösung. Mina spielt auf einer Art Schachbrettwolke mit ihrem Vater Schach, als plötzlich alles in einem Unwetter auseinanderbricht und der Vater davonfliegt. Eine surreale Traumwelt, die die Unsicherheit des Lebens widerspiegelt. Bei einer zweiten Traumsequenz bleibt der Traum aber plötzlich stehen, und sie sie kann die Wand zur dahinter liegenden Welt durchbrechen, wo die Träume nicht erdacht, aber gemacht werden. Die surreale Welt bekommt auf einmal eine ganz mechanische Logik als schöpferische Grundlage.

Der deutsche Titel TRAUMZAUBERER ist leider wieder einmal daneben, denn der Witz an diesem Film ist doch, dass es hier nicht um Zauberei geht, sondern tatsächlich um das Erbauen, was der dänische Originaltitel DRØMMEBYGGERE ausdrücklich zu verstehen gibt. Um das Erbauen von Kulissen, von Dekors, um das Verkleiden von Schauspielern. All das lässt den Träumer sein Erlebnis real empfinden wie eine Filmfigur die Filmwelt. Denn im Grunde ist es eine große Traumfabrik. MINA ist auch ein Film über das Filmemachen, eine für Kinder verständliche Variation über das Thema Film als Traum. Und sowohl im Film als auch hier beim Träumemachen wiederholt sich ja das, was an sich im Großen stattfindet. Nach Paramahansa Yogananda ist „das ganze Universum Gottes kosmischer Film“.

Dieses riesige, sich in der Dunkelheit unendlich fortsetzende Studiouniversum ist das sehr einfallsreiche, aber nicht übervolle visuelle Schatzkästchen des Films. An langen Seilen hängen die Bühnen, die Drehorte in der Luft. Verbunden sind sie durch achterbahnartige Wagen und Schienen. Und alles ist analog, mechanisch-elektrisch, da werden noch klassische Hebel umgelegt. Die Bühnenarbeiter sind niedliche kleine Helferlein. Der Regisseur trägt in einer Art Mischung aus Feuerwehrmann und Astronaut seltsame mechanische Gerätschaft an sich. Einen Studioboss gibt es auch. Der mag es gar nicht, wenn das Drehbuch geändert wird, was aber auch wirklich katastrophale Folgen haben kann. Allerdings erfährt man nicht, wo, wie und warum die Drehbücher verfasst werden. Aber genau da setzt Mina ein. Sie verändert die Drehbücher für Jennys Träume, um deren Persönlichkeit zu ändern. Allerdings neigt das Opfer plötzlich zu abrupten Stimmungsumschwüngen. Aber es kommt noch schlimmer.

Regisseur Kim Hagen Jensen, die letzten 14 Jahre als Storyboard-Künstler tätig, legt mit MINA UND DIE TRAUMZAUBERER, nach einem Drehbuch von Søren Grinderslev Hansen, seinen ersten Langfilm vor. Vorher schuf er den Kurzfilm WILL-BOT IN ”FRIEND OR FOE?” (2013), eine WALL-E-Variation, dem beliebten Pixar-Roboter, der die verwüstete Erde aufräumt. Hier ist es ein misstrauischer Wachroboter, der mit einem auf den ersten Blick äußerst unheimlich wirkenden Riesenroboter am Ende freundschaftlich Metalldonuts knabbert. Was auffällt, ist die Vorliebe für weite, einsame Räume, hier das Sternenuniversum, dort die große dunkle Weite der Hintertraumwelt. Auch in MINA verarbeitet Jensen fremde populäre Einflüsse, aber auf eine originelle und persönliche Weise. Dass MINA mit seiner Thematik wie ein INCEPTION für Kinder wirkt, die Erkenntnis kann man auch in anderen Kritiken finden. Aber man spürt auch den Einfluss des großartigen Mexiko-Animationsfilms COCO (2017), wo ein Junge das Reich des Todes auf der Suche nach seinem Vater durchstreift, aber sich aufzulösen droht, als er zu lange dort bleibt. Die Mariachi-Musik in MINA scheint mir also kein Zufall zu sein.

Dienstag, 19. Mai 2020

Alice O'Fredericks' DET GÆLDER OS ALLE – Familienfilm mit Kriegskind


Der dänische Film DET GÆLDER OS ALLE (1949, dt.: Das betrifft uns alle) beginnt ganz authentisch, fast halbdokumentarisch. Im zerstörten Wien kümmern sich Mitarbeiter des Dänischen Roten Kreuzes um Kriegskinder. Eines der Kinder, ein Mädchen, bricht zusammen und eine Krankenschwester sorgt und kümmert sich ganz besonders um sie, denn sie kennt sie aus dem KZ, erzählt dem von Poul Reichhardt gespielten Arzt, wie die Kleine ihr einmal unter großer Gefahr das Leben gerettet hat, was in einer Rückblende gezeigt wird. Der Arzt sorgt für eine Pflegekind-Unterbringung bei seinem Onkel und seiner Tante in Dänemark, wo es den Menschen gut geht. Leidende Kinder, Krieg, Konzentrationslager, böse nationalsozialistische KZ-Weiber. Das hört sich zunächst nach grauem, düsterem Realismus der End-1940er an, der hier dennoch allenfalls eine weit entfernte Inspiration für den Ausgangspunkt des Films, für die Wahl des Themas gewesen ist.

Denn die Regisseurin ist Alice O'Fredericks, die Meisterin des populären Films, die in den 50ern mit ihren Familienfilmen zum erfolgreichsten Regisseur Dänemarks überhaupt aufstieg. Besonders die Reihen um FAR TIL FIRE, über einen alleinerziehenden Mittelklassevater von vier Kindern, und die Heimatfilme nach dem populären Autor Morten Korch waren immense Kassenschlager. Begonnen hatte sie ihre Regiekarriere in den 30ern, nachdem sie Assistentin von Lau Lauritzen sr. gewesen war, dessen Fy & Bi-Filme, Pat und Patachon, weltbekannt sind. Gemeinsam mit dessen Sohn Lau Lauritzen jr. amerikanisierte sie die dänische Komödie mit neuen Themen und mit Tempo.

An DET GÆLDER OS ALLE kann man sehen, dass sie aber durchaus einen Blick für und einen künstlerischen Hang zur sozialen Wirklichkeit hatte. Bei allen kritischen Maßstäben, die man an den Film anlegen kann, merkt man, dass das Thema ihr ernsthaft am Herzen lag. Aber sie wollte keinen Filmpreis gewinnen, sondern damit wirklich das dänische Volk erreichen. Also wurde daraus ein im Endeffekt typisch dänischer Familienfilm mit typischen Zutaten. Poul Reichhardt und Lisbeth Movin sind das Liebespaar. Ib Schønberg zieht als Vater seine Show ab in einer Rolle, die ihn nicht viel Mühe kostet. Und alles ist durch und durch vorhersehbar, denn es ist ein funktionaler Film, der sich sogar nebenbei einsetzt auch für die Unterbringung von deutschen Pflegekindern, wogegen es in der Bevölkerung, aber auch in den verantwortlichen Institutionen Widerstand gab.

Red Barnet (Rettet das Kind) hieß die wichtige Institution, die sich um ausländische Pflegekinder kümmerte und die eng mit dem Roten Kreuz zusammenarbeitete. Eigentlich eine schwedische Organisation, bekam sie 1945 auch eine dänische Abteilung, wo man sogleich mit der Hilfe begann, mit französischen und holländischen unterernährten Kindern. Aber es wurde eben auch heftig diskutiert, ob man deutschen Kindern helfen sollte. Und obgleich bei Kindern theoretisch keine Unterschiede gemacht werden sollten, war man zunächst der Ansicht, dass man mit den deutschen Flüchtlingen, die man am 4. Mai von der Besatzungsmacht übernehmen musste, genug für Deutschland unternahm. Solch eine Aussage tat die Vorsitzende Valborg Hammerich 1946, gab dann aber wenig versteckt ihre unideologische Position zu erkennen, indem sie von dringender Hilfe nicht nur für polnische, sondern auch für ungarische und österreichische Kinder sprach. Ungarn war eine Achsenmacht und Österreich war sieben Jahre gleichbedeutend mit Deutschland gewesen.

Im Entstehungsjahr des Films war die antideutsche Haltung langsam am Nachlassen. Südschleswigsche Kinder kamen nach Dänemark. 1950 empfing Red Barnet noch einmal 500 deutsche Kinder. Aber eigentlich ist DET GÆLDER OS ALLE kein wirkliches Portrait eines Flüchtlingskinds, anders als Leopold Lindtbergs schöner Film MARIE-LOUISE (1944) über die Zeit der Schweizer Hilfe für Flüchtlingskinder während des Krieges, die dann ausgesetzt wurde. O'Fredericks Film ist, wie der Titel es andeutet, eher ein Appell und eine Ermahnung an die Landsleute. Viele ihrer puren Unterhaltungswerke sind zwar rein filmisch besser, aber dieser Film hat konkrete, tagespolitische Bedeutung.

Und so wird den dänischen Zuschauern eine verbreitete Selbstgenügsamkeit, Selbstzufriedenheit vorgeführt, die sich nicht um das Elend im Rest der Welt kümmern will. Auch das österreichische Mädchen wird natürlich als Deutsche wahrgenommen und stößt auf teils hasserfüllte Ablehnung. Und man sieht, wie viel Mühe sich der Film macht, sie auch für den Zuschauer sympathisch zu machen. Dazu bedarf es, sozusagen, einer doppelten Konzentrationslagerglaubwürdigkeit: nicht nur sie selbst war im KZ, hat wie erwähnt einer Dänin geholfen; der Vater war als Regimegegegner auch im KZ und sein bahnbrechendes Weg gegen die nationalsozialistische Ideologie steht in der dänischen Übersetzung im Bücherregal einer Nachbarstochter. Eine ganze Menge, was Autor Svend Rindom hier auffahren musste, um das Mädchen mit Sicherheit akzeptabel zu gestalten. Gleichzeitig werden mögliche psychische Schäden der KZ-Zeit vernachlässigt, denn im Kern ist sie der reinste Sonnenschein, der die Familie bereichert. Sie hält den Dänen den beschämenden Spiegel vor, indem sie ihnen klarmacht, wie gut es ihnen tatsächlich geht.

Selbstverständlich braucht ein solcher Film eine Art Happy End, und wenn es auch im vom Krieg zerstörten Polen ist, wohin der von Reichhardt gespielte Rot-Kreuz-Arzt beordert wird. Also wird Lisbeth Movin, ursprünglich heftige Gegnerin des internationalen Engagements ihres Arzt-Verlobten, Schwester des Dänischen Roten Kreuzes und folgt ihm nach Polen. Wenn der Arzt nicht bei der Verlobten bleibt, muss die Verlobte eben zum Arzt kommen.

Mittwoch, 15. April 2020

Dag Johan Haugeruds BARN – Viel Worte, wenig Herz

© Motlys

Alles beginnt mit der zunächst schwer zu entziffernden Totalen eines Sportplatzes. Im Mittelpunkt steht ein Fußballtor, hinter dem linken Pfosten liegt eine Gestalt, vermutlich ein Kind. Erwachsene in gelben Sicherheitswesten bemühen sich darum. Ein anderes Kind geht rasch weg und wird dann ein ganzes Stück weiter entfernt von einem Mann eingeholt und zurückgeführt. Der Ort ist eine Schule. Die Diskussionen unter den Verantwortlichen beginnen, und man begreift allmählich die Situation: Ein Kind ist gestorben. Ein zweites Kind war bei ihm. Der Rest ist zunächst unklar. Und auch wenn dieser norwegische Film von Dag Johan Haugerud BARN (2019), also ”Kind” oder ”Kinder”, heißt, tauchen hier als handlungstragende Figuren nur diese beiden Kinder auf: ein toter Junge und ein Mädchen, beide etwa 13 Jahre alt. Dafür wird von den Erziehungs- und Aufsichtsberechtigten – Eltern und Lehrer – pausenlos über Kinder geredet.

BARN ist ein flüssig erzählter Ensemblefilm mit mehreren Hauptfiguren, und um das Ganze einzuordnen, könnte man sagen, er steht in der besten Tradition von Robert Altman und seinen vignettenartigen Themenfilmen wie NASHVILLE (1975) oder PRET-A-PORTER (1994). Haugerud hat ein abstraktes Gesamtbild voller Widersprüche und unterschiedlicher Stimmungen geschaffen. BARN handelt mal von einer Sache, aber dann immer auch gleichzeitig von einer anderen. Der Film entlässt den Zuschauer nicht mit einer Weisheit oder einer Moral, ist kein Thesenfilm, auch kein Film für oder gegen etwas. Er ist ausgezeichnet geschrieben, ohne diese Perfektion als bewusstes Konstrukt auszustellen, wirkt natürlich, spontan, was auch den Darstellern zu verdanken ist.

Darüber hinaus ist, trotz des traurigen Ereignisses im Zentrum der Handlung, das vielleicht größte Kunststück des Films die Erzeugung einer sehr hintergründigen, unaufdringlichen Ebene der Ironie und Satire, bei der die Erwachsenen sich mit ihren eigenen Worten oft genug gewissermaßen selbst zerlegen. Aber, und das ist wichtig, es wird entlarvt, ohne zu denunzieren. Haugerud ist damit weit entfernt von dem zur Selbstgefälligkeit tendierenden Kino eines Ruben Östlund. BARN funktioniert ganz anders und ist tatsächlich ein schöner Film, den man gerne gucken kann. Auf dem Umweg einer sehr subtilen Verstörung hat man hinterher die Welt und sich selbst etwas besser verstanden. Oder genauer gesagt: Man hat ein klareres Gefühl bekommen. Denn von Gefühl und dem Mangel daran handelt BARNET im innersten Kern. Haugerud führt also fort, was ihn beispielsweise schon in seinem preisgekrönten Film von 2012, SOM DU SER MEG (Wie du mich siehst), interessierte.

Die Story kreist um die konkrete Aufarbeitung des Todesfalls, die Erforschung der Ursachen, was sich als schwierig erweist, da das beteiligte Mädchen nicht sehr mitteilsam ist. Eines steht aber nach einiger Zeit fest: Das Mädchen hat den Jungen mit ihrer Tasche geschlagen, woraufhin der umgefallen ist. Und eigentlich könnte hier fast Schluss sein. Denn bei Kindern passiert so was. Selbst unter Freunden. Aber es beginnt die große Ursachenforschung und das gesamte pädagogische, psychologische, politische, gerichtsmedizinische und juristische Arsenal wird aufgefahren. Im Mittelpunkt steht die tragikomische Heldin des Films – die Rektorin. Sie will und muss alles zusammenhalten, aber zwei Mal teilen Kollegen ihr wichtige Details nicht mit. Besonders absurd wird dies im Bezug auf ihren Bruder, der Lehrerkollege an der Schule ist und der verschweigt, dass er an dem Tag seine Aufsichtspflicht verletzt hat und erst nach der Tat auf dem Sportplatz war, weil er einem neuen attraktiven Referendar den Weg ins Sekretariat zeigte.

Die Eltern des Mädchens sind aktive Linke, der bisher alleinerziehende Vater des Jungen gehört einer national-konservativen Partei an. Das riecht ganz kurz nach müde vorhersehbaren Konflikten zwischen altem Klassenkampf und neuer Rechten. Doch Haugerud hat hier eine falsche Fährte gelegt. Es geht hier eben nicht um das Aufeinanderprallen von Gegensätzen, sondern um das Zusammenbringen, um Schnittmengen. Natürlich steht hier vor allem das mehrheitlich links-alternativ geprägte pädagogische Milieu im Mittelpunkt. Das liegt in der Natur der Sache, dem realen Stand der Dinge, in Norwegen wie in Deutschland. Dieses Milieu wirkt in BARNET wie ein großes einiges Kollektiv, aber das scheint nur so. Denn das Einzige, worüber man sich wirklich einig ist, das ist die stramme Haltung gegen rechts, auch wenn Inhalte und Menschen solch eine Haltung rein rational vielleicht gar nicht hergeben. Nur im Zweifelsfall hält man wirklich zusammen. Der geschichtliche Ursprung all dieses linken Denkens wird von einer älteren Frau verarbeitet in einem hübschen Fenstervorhang mit Zeichen wie ”Solidarnosc”, ”gegen Atomkraft” und was alles so seit den 70ern die Gemüter bewegt hat. Dadurch wird es aber auch in einer gewissen anachronistischen Altertümlichkeit offenbart.

Aber, wie gesagt, Haugerud trennt die Extreme nicht. Er bringt sie zusammen, denn die Rektorin hat seit Längerem eine Liebesaffäre mit dem Vater. Was sie aber geheim gehalten hat. Wohlweislich. Sie weiß, was sie dann vom Milieu zu hören bekommt. Und das bekommt sie auch, besonders von der Familie, denn sie ist ja selbst auch Kind, muss sich mit ihrer dominanten Mutter herumschlagen. Drei Generationen sind in BARNET versammelt. Aber jetzt, wo alle von der Beziehung wissen, kann sie auch gleich zu ihm ziehen. Der Rechte ist einfach ein Mensch mit anderen Meinungen, die nicht verboten sind. Ironischerweise hängt er höchstpersönlich bei sich den Vorhang mit linken Symbolen auf, weil er ihn so hübsch findet. Und er ist ein zur Zeit orientierungsloser Vater, der seinen Sohn verloren hat. Aber auch er hatte vor allem theoretische Erwartungen, bildete sich ein, seinen Sohn genau gekannt zu haben. Er spricht von Leistung, vom Herausholen des größten Potentials. Und mit diesem Regeldenken ist er nicht allein.

Denn Haugerud liefert mit BARNET eine emotionale statt einer politischen Systemkritik. Und trifft den Kern damit viel besser. Die Katastrophe besteht nicht in einer politischen Haltung, egal in welche Richtung, sondern in der emotionalen Verkrüppelung einer ganzen Elite, in einer Gesellschaft, in der kein Gefühl, keine Handlung mehr authentisch sind. Empathie ist sozusagen theoretisch geregelt. Die Menschen sind nicht böse – niemand in diesem Film ist das – aber herzlos. Regeln bestimmen alles. Die Rektorin selbst sagt einmal, sie wüsste nichts von Herz. Das sagt sie nebenbei, so selbstverständlich, dass man sich erschrecken kann. Und immer reden alle über Kinder, aber indirekt vor allem über sich selbst, von den eigenen Werten, Vorstellungen und Ideologien. Es wird also unglaublich viel geredet, aber wenig gesagt. Es geht immer um das, was man tun müsste, sagen müsste, fühlen müsste. Das offenbart natürlich eine große Hilflosigkeit, die aber umgekehrt proportional zu dem zur Schau gestellten Selbstbewusstsein steht. Und niemand ist hier sicher vor schmerzhafter Selbsterkenntnis: Selbst der kinderlose junge Lehrer, der meint, er stünde immer auf Seiten der Kinder, erfährt am Ende, dass er das Verhalten des toten Jungen in seinem Unterricht völlig falsch eingeschätzt hat.

Montag, 13. April 2020

Ole Christian Madsens KRUDTTØNDEN – Mensch bleiben


Ole Christian Madsens dänischer Film KRUDTTØNDEN (2020) beruht auf bekannten Tatsachen: Am 14. und 15. Februar 2015 kam es in Kopenhagen zu islamischem Terror durch einen Einzeltäter. Zuerst wurde das Kulturzentrum „Krudttønden” (”Pulverfass”), wo eine Diskussionsveranstaltung zu dem Thema „Kunst, Gotteslästerung und Meinungsfreiheit“ stattfand, mit einem Maschinengewehr beschossen. Vor dem Gebäude wurde der Dokumentarfilm-Regisseur Finn Nørgaard getötet, als er versuchte, den Angreifer zu überwältigen. Am nächsten Abend wurde der vor einer Synagoge Wache stehende Dan Uzan erschossen. Zeitungsartikel und TV-Dokus haben den genauen Weg des Täters natürlich ausführlich und und ausreichend nachgezeichnet, aber Madsen interessiert sich für etwas anderes als die reine Fiktionalisierung dieser Stationen eines Mörders und seiner Opfer. Die Fakten sind nur das Gerüst für einen ganz und gar stillen, unspektakulären Film. Madsen geht unter die Oberfläche und liefert so eine sehr subjektive Interpretation der Ereignisse.

Es geht also um die vier Männer, die in diesen zwei schrecklichen Tagen in Kopenhagen im Mittelpunkt stehen: Die beiden Opfer, der Täter und der Polizist, der den Terroristen erschossen hat. Aber es sind die ineinander laufenden geistigen und biografischen Fäden der vier Männer, ihre Beziehungen und Unterschiede, die dem Film innere Spannung verleihen. Es sind Männer mit Problemen in ihrem Leben, die aber gerade an einem Wendepunkt stehen. Und jeder hat seine eigene Art, mit Schwierigkeiten umzugehen. Nørgaard, der die Zusammenarbeit mit dem Fernsehen nicht mehr aushält und wegen seiner unumstößlichen Ansichten in Streit gerät mit den Freunden aus dem links-liberalen Milieu. Der Polizist mit gesundheitlichen Schwierigkeiten und Familienproblemen. Der trotz stetiger Bemühungen lange Zeit chronisch arbeitslose Uzan. Das trifft auch auf den entlassenen Strafgefangenen und zukünftigen Terroristen mit dem verpfuschten Leben zu, der aber die einfachste Lösung wählt durch eine Art Mord-Selbstmord mit anschließender Freikarte ins Höllen-Paradies. Madsen zeichnet den Weg des Täters akribisch nach, ohne ihm nahezukommen oder identifikatorische Sympathie entstehen zu lassen. Dieser ist eine leere Hülle, die sich im Hass Erlösung wünscht.

Die Story beginnt und endet mit dem von Nicolaj Coster-Waldau gespielten Polizisten, der in einem psychologischen Gespräch die Frage danach stellt, wie man ”Mensch bleiben” könne, und dass er gerne den Täter gefragt hätte, warum er das denn gemacht hat. ”Mensch bleiben”, das klingt vielleicht etwas pathetisch, und eigentlich hätte der Film so ein etwas überdeutliches Motto nicht gebraucht. Andererseits ist es der Polizist, der dies sagt, und wenn man zum ersten Mal im Leben dazu gezwungen war, jemanden zu erschießen, liegt diese ratlose Frage nah. Wie wird man also im Kampf gegen Dämonen nicht selbst zum Dämon? Es fängt ja schon mit den Sicherheitsmaßnahmen an, durch die die Täter Einfluss auf unser Leben nehmen. Es ist schockierend, welcher Aufwand heutzutage für die ungestörte Nutzung einer Synagoge getroffen werden muss.

Um es übrigens zu präzisieren, der Film beginnt nicht gleich mit dem Polizisten, sondern mit Bildern der islamischen Terroranschläge in Paris vom Januar 2015, besonders den auf die Redaktion der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Regisseur Finn Nørgaard wird sich, wie auch der davon inspirierte Terrorist, solche Bilder später im Film ansehen. Und hier wird der Film sehr persönlich, denn Madsen kannte Nørgaard, hat auch mal mit ihm gearbeitet. Nørgaard ist gewissermaßen der theoretische Träger des Inhalts, vor allem durch die Schlüsselszene des Films, in der er mit links-liberalen Freunden beim Essen sitzt und wegen geäußerten Selbstverständlichkeiten als Rechter bezeichnet wird. Der Tenor ist immer: Wer die Bösen mit Zeichnungen und Satire reizt, ist selbst schuld, wenn ihm etwas passiert. Dabei besteht Nørgaard nur auf dem grundsätzlichen Recht auf solch eine Satire, mehr nicht. Und er entlarvt die linke Heuchelei, wenn er etwa auf die Privatschulen hinweist, auf die diese ihre Kinder schicken. Es war eine gute und wichtige Idee, diese wirklich sehr heftige und fast ausartende Diskussion in den Mittelpunkt des Films zu stellen, denn sonst könnte man den ansonsten so ruhigen, friedlichen und unaggressiven Film KRUDTTØNDEN nicht zu Unrecht als verlogen und verharmlosend betrachten. Aber auf diese Weise geht die Rechnung auf.

Wie sehr Madsen darum bemüht ist, trotz der erzählerischen Nähe zum Terroristen zu ihm auf Distanz zu bleiben, zeigt noch einmal der Vergleich zweier Sterbeszenen. Wenn Nørgaard stirbt, schwenkt die Kamera nach oben in den hellen Himmel. Wenn der Terrorist stirbt, schwenkt sie in den dunklen Nachthimmel. Und dann sieht man ihn von oben und die Kamera geht zurück, immer weiter und nimmt ihn nicht mit. Er liegt da immer kleiner und einsamer auf dem Asphalt. Aber es ist einem egal. Auch wenn man das Ende kennt, ist man erleichtert. Endlich. Er wollte es ja so. Der Film macht aus ihm also wirklich keine tragische Figur.

Dienstag, 3. März 2020

EN HELT ALMINDELIG FAMILIE – Wenn der Papa eine Frau wird


Wenn ein dänischer Film EN HELT ALMINDELIG FAMILIE (2020, dt.: Eine ganz gewöhnliche Familie) heißt, weiß man natürlich sofort, dass diese Filmfamilie vermutlich nicht ganz so gewöhnlich sein wird. Und wenn ein Vater mit Ehefrau und zwei jungen Töchtern meint, er müsse sich jetzt zur Frau umoperieren lassen, dann handelt es sich ja tatsächlich um einen nicht so häufigen Sonderfall. Das Schöne aber an dem Film ist seine inhaltliche und auch ideologische Unaufgeregtheit. Weder Idealisierung noch Politisierung. Hier ist ganz einfach in einer ganz schwierigen Situation ein Mann, der physisch eine Frau werden will und es auch tatsächlich wird. Und dann interessiert sich Malou Reymanns EN HELT ALMINDELIG FAMILIE vornehmlich für die rein persönlichen Auswirkungen solch einer Handlung auf die Kinder, besonders das jüngere 10-jährige.

Ausgewogen ist auch die Stimmung. Es ist keine Komödie, kein Drama. aber das Ganze hat sowohl seine komischen als auch traurigen Seiten. Komisch ist es, wenn der Schwiegervater auf seiner Rede zur Konfirmation der Enkelin die weiblichen und männlichen Pronomen und den alten und den neuen Vornamen des Ex-Schwiegersohnes – Thomas und Agnethe – durcheinanderbringt und auf die Berichtigungen hin grummelt: „Ja, da muss man sich ja auch erst mal dran gewöhnen.“ Vergnüglich absurd wird es, wenn die Mutter vor der Operation und der Ehescheidung eine Abschiedszeremonie veranstalten will, um sich von ihrem Mann zu verabschieden, der dann ja schließlich weg sei. Das finden die anderen aber doch zu begräbnisartig. Wenn die jüngere Schwester für die ältere auf der erwähnten Konfirmation ein Lied singt, dann ist das zum Weinen schön rührend. Und wenn die jüngere sich ein anderes Mal in ihrer Verstörung eine Alkoholvergiftung antrinkt und ihrem weiblichen Vater wutspeiend ins Gesicht den Tod wünscht, ist das sehr traurig. Dass alles dennoch harmonisch im Gleichgewicht bleibt, ist einer subtilen und ruhigen Regie von Malou Reymann zu verdanken und besonders den Darstellern von Vater und Töchtern. Mikkel Boe Følsgaard, als Thomas und Agnethe, spielt mit ganz sparsamen Mitteln und sehr natürlich, jenseits aller postiven und negativen Klischees, eine Figur, die versucht, ihre Würde zu bewahren, ihr Gleichgewicht herzustellen und für sich eine Art Normalität zu finden.

Rigmor Ranthe spielt die ältere Tochter, die harmoniebedürftige Caroline, die die Familie zumindest ansatzweise retten will. Und daher macht sie jede Laune des umoperierten Vaters mit. Kaya Toft Loholt verkörpert Emma, und es ist bemerkenswert, wie dieses kindliche Durcheinander aus widerstreitenden Gefühlen bei ihr auf der Leinwand durchscheint. Denn sie sieht die Brüche in der Fassade, ist hin- und hergerissen. Es gibt beispielsweise eine Sitzung bei der Familientherapie, während der die Kamera hinter Emma positioniert ist, wobei sie sich trotzig einen Schal um den Kopf gewickelt hat, da sie den Vater nicht in Frauenkleidern sehen will. Die ganze Zeit bleibt die Kamera dort, während die anderen Personen nur unscharf zu sehen sind, wo sich ein nicht wenig absurdes Psycho-Theater abspielt. Am Schluss fragt sie ihn: „Bleibst du mein Vater?“ Als der ihr das zusichert, legt sie den Schal ab

Doch so leicht ist es nicht. Agnethe ist für die Kinder zwar da, ist aktiver Teil der Familie, aber die Vater-Wirklichkeit zerfällt schnell. Denn sie spielt jetzt zweite Mutter, auch vor anderen, spielt ganz die weibliche Rolle und tut jetzt alles, was man vermeintlich als Frau so macht. Emma aber will ihren Vater wiederhaben: „Du bist nicht unsere Mutter.“ Da gibt es eine interessante Schlüsselszene in Bezug auf Fußball, wenn Agnethe auf dem Urlaub in Mallorca beim Gespräch mit einer anderen Frau plötzlich so tut, als hätte sie keine Ahnung von Fußball, wo sie es als Vater doch war, der mit Emma immer zum Fußballverein gefahren ist. Und ganz am Schluss fachsimpelt eben die echte Mutter mit Emma über Fußball. Denn nebenbei ist EN HELT ALMINDELIG FAMILIE eine sehr subtile Betrachtung von Rollenbildern  und im Grunde der einfachen Tatsache, dass sowieso jeder in sich Yin und Yang, das Weibliche und das Männliche ins Gleichgewicht bringen muss, ohne es sofort zu verkörperlichen.

Es ist vor allem die Struktur, die die mitunter seltsame und sehr gelungene ambivalente Stimmung des Films erzeugt. Immer wieder werden alte Familienvideos gezeigt, heimelig, gemütlich, alltäglich, aber auch aufschlussreich. Es scheint so, dass der Vater immer filmte, weil er sich außen vor fühlte. Einmal sagt die Mutter so etwas wie, er solle doch mitmachen und nicht filmen. Man sieht fast immer nur die Mutter und die beiden Töchter. Er ist nie wirklich dabei. Auch wenn er sich manchmal selbst filmt. Die Operation wirkt da wie ein Versuch, endlich echt und authentisch zu sein und den richtigen Platz auch in der Familie einzunehmen. Auch am Ende werden uns wieder glückliche Bilder gezeigt, diesmal mit Agnethe und den Töchtern. Wie ein kleines Happy End. Als hätte jeder seinen Platz gefunden. Aber es wirkt gleichzeitig wie eine Kreisbewegung, wie eine Rückkehr zum Anfang. Denn es beginnt mit einem Video, in dem er sich auch selbst filmte und jetzt endet es eben mit einem.