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Mittwoch, 5. August 2020

SUICIDE TOURIST – ES GIBT KEIN ENTKOMMEN – Flucht in den Tod


© dcm

Der dänische Film SUICIDE TOURIST – ES GIBT KEIN ENTKOMMEN (2019, Selvmordsturisten) ist Jonas Alexander Arnbys zweiter Spielfilm nach dem erfolgreichen poetischen Horrorfilm WHEN ANIMALS DREAM (2014, Når dyrene drømmer), in dem ein junges, empfindsames Mädchen zum wilden Tier wird. Von der Mutter vererbte Wildheit, die sich als Reaktion auf Unterdrückung sowohl in Form reiner Berserkerwut als auch in Form einfachen, verzweifelten Überlebenskampfes äußert. Das war ein physischer, sehr direkter Film mit Themen wie Metamorphose und dem Tierischen im Menschen. SUICIDE TOURIST, der zunächst verkopfter, abstrakter, distanzierter wirkt, ist in mancher Hinsicht das genaue Gegenteil, und doch gibt es eine tief gehende Gemeinsamkeit.

Ganz im Mittelpunkt des Films steht der von Nikolai Coster-Waldau gespielte Max, ein sehr korrekter Versicherungskaufmann, glücklich verheiratet, aber mit einem unheilbaren bösen Hirntumor, der sich bald physisch und psychisch bemerkbar machen wird. Das Wachsen des Tumors, so gibt ihm der Arzt zu verstehen, heißt Veränderung des Verhaltens, des Denkens, der Sprachfähigkeit. Es geht im Kern also auch hier, wie in WHEN ANIMALS DREAM, um Metamorphose, um Veränderung, allerdings in die entgegengesetzte Richtung, in Richtung Auflösung, Zerfall, Tod.

Unabhängig von der beunruhigenden Aussicht des nahen Todes, ist es vor allem das, was Max Angst macht. Angst vor dem Verlust des Ichs oder dessen, was man dafür hält. So viel Angst, dass er versucht, sich umzubringen, aber er ist ein totaler Selbstmord-Versager, was eine Art unterkühlten Slapstick-Humor in den Film bringt. Jedenfalls stellt Max fest, dass es in Wirklichkeit gar nicht so einfach ist, sich umzubringen. In seiner Panik bucht er ein geheimnisvolles Hotel in den Gebirgen, das auf äußerst luxuriös-harmonische Sterbehilfe spezialisiert ist. Sterben wie verträumtes Einschlafen. Das zumindest ist die Theorie, auch wenn sich nach und nach das Erlebte in einen verwirrten Alptraum verwandelt. SUICIDE TOURIST ist also alles andere als ein propagandistischer Film für solche eine Art von reisender Sterbehilfe, fernab von allem Vertrauten und allen Nahestehenden.

Arnby liefert keine chronologische Erzählung. Ständig wechseln die verschiedene Ebenen der Zeit und des Raumes. Zunächst erscheint das Seltsame einfach wie eine freie Poetisierung und Surrealisierung der Wirklichkeit, doch dann löst sich die innere Logik der Geschichte immer mehr auf. Phantasie, Traum, Wirklichkeit lassen sich nicht mehr unterscheiden. Aber Arnby lässt diese Atmosphäre nicht siegen, denn am Ende geht hier darum, aus ihr herauszukommen. Ironischerweise bekommt die Erzählung gerade durch die totale Desintegration wieder Boden unter den Füßen. Der Kreis kann sich schließen, und es tauchen wieder Logik und Bedeutung auf.

SUICIDE TOURIST bedeutet vor allem auch einen Triumph des Dekors, der Art Direction. Immerhin war Arnby Art Director etwa bei Lars von Triers DANCER IN THE DARK (2000). Alles strahlt am Anfang Ruhe und Perfektion, aber auch eine gewisse Fremdheit, aus. Spielte WHEN ANIMALS DREAM viel an der frischen Luft und an Originalschauplätzen, ist der neue Film durch und durch künstlich, artifiziell, selbst die Berglandschaft, in der das Sterbehilfe-Hotel liegt, wirkt teilweise überperfekt. Dieses Hotel hat eine scheinbar angemessene Dahinscheiden-Atmosphäre, geeignet für ein Hinübergleiten, ohne dass man es merkt, also gewissermaßen ohne ans Sterben zu denken. So angemessen und perfekt, dass es schon wieder unheimlich erscheint.

Arnby bewegt sich hier auf den Spuren von Lynch oder Winding Refn, aber vor allem von denen von Gore Verbinskys viel zu wenig gewürdigtem Meisterwerk A CURE FOR WELLNESS (2016). Zumindest sollte es mich wundern, wenn dem nicht so ist. Leider hat SUICIDE TOURIST bei allen Qualitäten ein bisschen die Korrektheit und Steifheit der Hauptfigur in sich aufgesogen. Es ist ein Film zum Zugucken, zum Analysieren, zum Rätseln, der den Zuschauer aber etwas unbeteiligt lässt, und ich habe bei mir selbst irgendwann eine gewisse Ungeduld registriert, aus dieser Statik herauszukommen. So gesehen ist der Film in seiner Methode natürlich sehr erfolgreich, denn meine Empfindung spiegelt im Prinzip das Denken und die Emotionen der Hauptfigur gegen Ende des Films wieder.


© dcm