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Sonntag, 2. Februar 2020

Anders Refns DE FORBANDEDE ÅR – Das Böse in Dänemark

© Space Rocket Nation
 
Seit 15 Jahren schon wollte der dänische Regisseur Anders Refn DE FORBANDEDE ÅR (2020) drehen. Kurzzeitig war sogar eine Fernsehserie im Gespräch, aber daraus wurde nichts. Und das ist gut so. Denn die Wirkung des Films liegt nicht zuletzt in seiner Begrenzung und Konzentration, in der Gleichzeitigkeit der vielen verschiedenen Handlungsstränge, die übereinander gelegt ein beklemmendes Gesamtbild ergeben, das in einer Serie vielleicht zu weit und zu lang ausgedehnt worden wäre. Präzision ist etwas Schönes und gerät angesichts der vielen Serien manchmal in Vergessenheit. Der Filmtitel übrigens ist nicht ganz leicht zu übersetzen, eine Entscheidung kommt einer kleinen Interpretation gleich: die verfluchten Jahre, die verdammten Jahre, die verflixten Jahre, eigentlich alles drei gleichzeitig. Auf jeden Fall sind es Jahre, die man sich wegwünscht, die es so besser nicht gegeben hätte.

Damit, wie die Jahre der Besatzung Dänemarks durch die deutsche Armee und der Zusammenarbeitspolitik normalerweise erzählt werden, hat Refns Film wenig zu tun. Die Erzählweise und Erzählgegenstände, die man aus Filmen über jene Zeit gewohnt ist, findet man hier nicht. Sofort nach dem Krieg war es das Bild des Widerstands, das die Filme prägte, gleich angefangen bei den klassischen Werken DE RØDE ENGE (1945), von Bodil Ipsen und Lau Lauritzen jr, sowie DEN USYNLIGE HÆR (1945) von Johan Jacobsen, wobei gerade ersterer eine sehr subtile Darstellung ist, aber eben doch eine Widerstandsdarstellung. Und selbst wenn die Filme vom Versagen erzählen, geht es nicht ohne Heroismus wie bei den von der Regierung verlassenen Soldaten an der deutschen Grenze in Jütland in 9.APRIL – ANGRIFF AUF DÄNEMARK (2015). Und auch wenn es in TAGE DES ZORNS (2008, dä.: Flammen og Citronen) oder auch der norwegischen Produktion MAX MANUS (2008) um die düstere, ambivalente Psyche von Widerstandskämpfern geht, es geht doch eben vornehmlich um den Widerstand. FUGLENE OVER SUNDET (2016) schildert dann die Rettung der Juden durch die nordseeländischen Fischer nach Schweden hinüber. Und selbst ein Film wie UNDER SANDET (2015) ist zwar die Darstellung einer dänischen Sünde, aber doch unter der Voraussetzung, dass die Dänen nur Opfer waren, die sich aber nicht auf diese Weise rächen sollten. Einen Roman gibt es, der die ganze Besatzungszeit etwas weniger heroisch schildert, das ist der ausgezeichnete „Frydenholm“ (1962) von Hans Scherfig, aber der ist dann wieder kommunistisch gefärbt.

DE FORBANDEDE ÅR beginnt am 9.April 1940 mit einer Silberhochzeit. Natürlich weiß man, was da kommt. Es ist klar, das die fröhliche Familienfeier in Kürze unterbrochen werden wird. Flugzeuge dröhnen denn auch bald über den Himmel. Flugblätter segeln von oben herab, Vorboten der einmarschierenden deutschen Truppen. Und da wird es schon ungewohnt, denn all die so oft schon gesehenen Klischeebilder, diese Standards, auf die verzichtet Anders Refn. Man sieht diese einmarschierenden Truppen nicht. Die Deutschen tauchen überhaupt physisch kaum auf in diesem Film und dennoch ist praktisch jede Handlung ab diesem Tag durch ihre Anwesenheit bedingt. in DE FORBANDEDE ÅR geht es um die Auswirkung auf den Alltag, die jeder am Anfang des Films unterschätzt, als könnte man einigermaßen so weiterleben wie vorher.

Im Mittelpunkt steht eine dänische Musterfamilie voller Zusammenhalt, eine Unternehmerfamilie, die Frau, gespielt von Bodil Jørgensen, stammt aus der Oberschicht, der Mann, Jesper Christensen, hat sich offensichtlich nach oben gearbeitet, kann gleich auf gleich mit seinen Arbeitern kommunizieren. Dazu kommt noch der erweiterte Kreis der Familie mit der Haushälterin und deren Kommunistensohn, befreundet mit einem Sohn des Hauses. Das alles repräsentiert sehr gut das Dänemark jener Zeit. Es geht hier um die normale Mitte der Gesellschaft. Und wenn jeder denkt, er könnte der Alte bleiben, ist es eine Illusion, die befördert wird von der Zusammenarbeitspolitik der Allparteienregierung unter Sozialdemokrat Thorvald Stauning. Pro forma gab es also eine reguläre dänische Regierung, und was passierte, hatte den Anschein der Legalität.

Refn bleibt immer auf Augenhöhe mit den Figuren, filmt sie mit einem gewissen Wohlwollen, ohne nachsichtig zu sein. Er wird auch nie zynisch, erhebt sich nicht moralisch, lüftet nicht didaktisch den Zeigefinger. Es gibt hier nicht eine einzige offen provozierende Szene, die, wie man sagt, überdeutlich den Finger in eine nationale, historische Wunde legt, es kommt alles ganz einfach und scheinbar harmlos daher. Denn hier handelt es sich um eine Tragödie, in der eigentlich zunächst niemand wirklich etwas falsch macht, alles liegt ganz natürlich in der Persönlichkeit der durch und durch netten Figuren begründet. Aber das Unbehagen sickert dann im Laufe des Films immer mehr in den Zuschauer ein. Gleichzeitig werden diese souveränen Menschen immer unsicherer. Ganz besonders der Unternehmer, den Jesper Christensen in einer Mischung aus Autorität und Hilflosigkeit spielt. Das beginnt schon bei seinem kläglichen Selbstbetrug, als er irrtümlich im Zusammenhang mit zwei jüdischen Flüchtlingen aus Deutschland an das fortdauernde Gelten dänischer Gesetze und seinen Einfluss bei wichtigen Personen glaubt. Die Familie will er retten, die Firma will er retten und steht dann doch sehr alleine da am Ende. Oder am vorläufigen Ende. Eine Fortsetzung des Films wäre möglich und wünschenswert.

Die Mutter, gespielt  von einer immer müder wirkenden Bodil Jørgensen, hingegen will gar nichts mit den Deutschen zu tun haben. Das ist aber kein Widerstand, das ist bloß eine Flucht vor der Wirklichkeit. Selbst dass der älteste Sohn zum Dänischen Freikorps geht und an der deutschen Ostfront mitkämpft, liegt nicht an seiner Nazi-Gesinnung, sondern an seinem Antikommunismus. Schon im Winterkrieg hat er auf der Seite der Finnen gegen die Sowjets gekämpft, da erscheint ihm dies jetzt als logische Fortsetzung. Und besonders ambivalent wird es, als es um die menschlichen Qualitäten zweier junger Männer geht. Der junge Däne schickt seine Freundin mit Unterstützung des Vaters zur Abtreibung und lässt sie dann sitzen. Der deutsche Offizier heiratet eine junge Dänin ganz selbstverständlich. Alles Menschliche bleibt ambivalent und natürlich.

Das ändert nichts daran, dass hier im Hintergrund eine böse, verbrecherische Politik betrieben wird. Aber den typischen deutschen Film-Nazi, auf den man sonst so schön das eigene Böse abschieben kann, gibt es hier nicht. Das Böse müssen die Dänen hier selbst vollbringen. Hier kommen nicht die Gestapo, die SS oder die Wehrmacht, um Kommunisten, Widerständler, Flüchtlinge zu jagen, verhaften, deportieren, erschießen. Das machen ja alles die Dänen und teilweise mit eigentlich gar nicht notwendigem Einsatz. Und es gibt die Männer in der bürgerlichen Elite, die begeistert sind, wie viel Geld sie im Krieg verdienen, wie grandios die Verdienste Deutschlands sind und wie schön es doch eigentlich ist, dass man die internierten Kommunisten endlich los ist. Durch die ganze Gesellschaft, von der Armee bis zur Arbeiterschaft, zieht sich diese Sympathie für die Deutschen, auf deren Sieg man sich zunächst vorbereitet.

Refn betrachtet dabei die äußeren ebenso wie die inneren Konflikte, ohne dabei übertrieben psychologisch oder auch nur ansatzsweise metaphysisch zu werden. Es geht um das Böse, aber alles bleibt sehr konkret, materiell. Dennoch scheint er mit solch einem Film der Generation unter der seinen, mit seinem Sohn Nicolas Winding Refn, mit Lars von Trier, Ole Bornedal, näher zu stehen als seinen eigenen Altersgenossen, von denen er in einem neuen Interview mit der dänischen Filmzeitschrift EKKO spricht: Bille August, Nils Malmros. Und dann versteht man auch ganz gut, wie er die Filme von Trier schneiden kann, auch wenn sie ganz anders sind als seine eigenen. Und wie er nahtlos nicht nur Triers Cutter, sondern seit einigen Jahren auch sein Assistenzregisseur für die Versicherungen sein kann, wenn der Meister wegen Krankheit bei den Dreharbeiten ausfällt.