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Samstag, 28. Dezember 2019

Lone Scherfigs THE KINDNESS OF STRANGERS – Hilfe vom Nächsten

Die dänische Regisseurin Lone Scherfig hat mit THE KINDNESS OF STRANGERS (2019) wieder einmal einen sympathischen Film gedreht. Diesmal nicht in England, wo sie ja hauptsächlich tätig ist, sondern als europäische Co-Produktion mehrere Länder, darunter Dänemark und Deutschland. Es spielt in den USA, in New York, auch wenn es sich mit dem Engländer Bill Nighy und dem Franzosen mit algerischen Wurzeln Tahar Ramin sehr, sehr europäisch anfühlt, vor allem, da ein altes russisches Restaurant im Mittelpunkt steht.

Es ist die Geschichte einiger Menschen, die sich gegenseitig helfen. Es beginnt mit einer jungen Mutter aus dem Bundesstaat Buffalo, die mit ihren beiden kleinen Jungen vor dem psychopathisch-prügelwütigen Ehemann flieht. Da er ein Polizist mit vielen Freunden ist, hat sie Angst, sich an die Behörden zu wenden. Einen Urlaub und ein lustiges Spiel vortäuschend, versucht sie, sich mit den Kindern über die Runden zu bringen. Da ist die Krankenschwester, der ihr Job zu viel wird und die eine Selbsthilfegruppe mit dem Namen „Vergebung“ leitet und auch noch in einer Suppenküche aktiv ist. Da ist der verwirrte Schussel, der nicht nur jeden Job durch seine Dusseligkeit verliert, sondern schließlich auch seine Wohnung, wobei man sich fragt, wie er die denn überhaupt gekriegt hat. Ein aus dem Gefängnis frisch entlassene Mann bekommt wie durch ein Wunder einen Job als Leiter des erwähnten russischen Restaurants. Um Ersatzfamilien, Freundschaft, Liebe, Solidarität geht es hier, aus der echten Familie kommt in diesem Film nichts Gutes, nur ein Psycho-Gatte und ein unverbesserlicher Junkie-Bruder. Der Staat existiert, bemüht sich zu helfen, aber es bleibt begrenzt: Als der Staat der Frau und den beiden Kindern eine Unterkunft besorgt, sind es drei enge Betten in einer Massenunterkunft.

Das Ganze wird gedämpft erzählt, hat mal eine schöne Atmosphäre, ist dann aber auch mal träge und schwer genießbar, aber auch zwischendurch still humorvoll. Im Grunde ist es ein Wintermärchen, wo die gute Fee durch Menschen ersetzt wird, und der böse Wolf ist der Ehemann, wobei man sich zunächst doch fragt, ob es nicht ein echtes Klischee ist, dass dieser ausgerechnet Polizist sein muss, aber rein dramaturgisch muss die Ehefrau ja Angst haben, zu den Behörden zu gehen. Sonst würde der Film nicht funktionieren. Ja, es ist schon vieles konstruiert, aber es funktioniert dann doch, weil es sich hier nicht um grauen Sozialrealismus handelt. Dann müsste man angesichts der thematischen Überfülle wohl die Flucht ergreifen. Aber Scherfigs Realismus ist so eine Art Luftblasenrealismus. Es ist zwar alles voller Menschen mit echten, praktischen Problemen. Zwei Mal erfriert fast jemand wegen Obdachlosigkeit, einmal sogar ein kleines Kind, das zu gerne auf Spaziertour geht, aber verträumt nicht daran denkt, dass man ja irgendwie auch zurückfinden muss. Aber bei Scherfig hat man immer das Gefühl, als könnte ihren Figuren nicht wirklich etwas passieren. Denn Lone Scherfig ist ja da. Sie würde ihren Menschen nie etwas Böses antun. Ein sympathischer Film eben.

Und dann ist es indirekt vielleicht irgendwie auch ein sehr dänischer Film. THE KINDNESS OF STRANGERS (2019) ist ganz anders als das, was man etwa aus England gewohnt ist. Er ist von der Stimmung her LAST CHRISTMAS (2019) näher als WILD ROSE (2019), um mal zwei aktuell in den Kinos laufende Filme zu nehmen. In Lars von Triers THE BOSS OF IT ALL (2006) gibt es übrigens einen wütenden Isländer, der über die Sentimentalität der Dänen schimpft. Und die wird einem hier auch geboten, wenn auch etwas versteckt und nicht so offen. Dass THE KINDNESS OF STRANGERS allerdings als Eröffnungsfilm der Filmfestspiele Berlin 2019 lief, ist schwer verständlich und zeigt überdeutlich, warum die Veranstaltung eine neue Leitung nötig hatte.