Dieses Blog durchsuchen

Montag, 5. April 2021

Björk in THE JUNIPER TREE – Mein Mutter der mich schlacht

Ein Gespräch ist aus dem Off zu hören. Zwei junge Frauenstimmen unterhalten sich. Die eine fragt, die andere antwortet. Es geht um die Mutter, die jetzt nur noch verwehte Asche, von der nichts übrig ist. Dazu ein zunächst verwirrendes erstes Bild von einem Ort ganz woanders, da, wo die beiden Frauen erst kurze Zeit später landen werden: Das Grab einer anderen Mutter, das ein kleiner Junge sorgfältig pflegt, damit sie ihn nicht vergisst. So bekommt der Zuschauer des isländischen, in Englisch gedrehten Films THE JUNIPER TREE / EINITRÉÐ (1990) von US-Regisseurin Nietzchka Keene eine erste Andeutung der den Film prägenden fließenden Uneindeutigkeit von Zeit und Raum.

Die junge Frau und das Mädchen Margit sind auf der Flucht vor den Menschen, die Hexen verbrennen, denn als solche starb die Mutter. Sie brauchen einen Mann als Schutz, allein schon, um nicht aufzufallen. Notfalls gilt es, einen Mann zu verzaubern. Und plötzlich ist einer da. Laut großer Schwester sogar ohne jede Verhexung. Einer mit einem Sohn, Jonas. Die Regisseurin macht in weiten Totalen ausgiebig Gebrauch vom isländischen Drehort. Der Stil des Scharzweiß-Films ist geprägt von breiten Perspektiven der Hügel und Grasebenen, von einer weiten Landschaft mit ihren Grauabstufungen. Die Menschen werden oft klein und weit entfernt gezeigt, ein sich nur langsam bewegender Teil der Landschaft. Die Innenräume des engen traditionellen Bauernhauses hingegen haben tiefe, unheimliche, dunkle Schattenzonen.

THE JUNIPER TREE wurde 1986 mit sehr kleinem Budget gedreht. In der Rolle des Mädchens Margit, der kleinen Schwester, sieht man Sängerin Björk Guðmundsdóttir, die da 21 ist, aber weitaus jünger wirkt. Zu dem Zeitpunkt war Björk auch noch kein internationaler Popstar, wenn auch bekannt in Island und auch durch Dokus über Island-Rock hatte man sie schon im Ausland wahrgenommen. 1986 ist nebenbei auch das Jahr, in dem die Sugarcubes gegründet wurden, deren richtiger Durchbruch 1988 mit „Life's too good“, der ersten von drei LPs, geschah. Dass der Film also ab 1990, als er endlich auf Festivals seine Premiere hatte, keine größere Verbreitung gefunden hat, ist äußerst schade. Im Netz ist nur ein Kinostart 1993 in Island verzeichnet. Vor ein paar wurde der Film restauriert und lief zumindest in Frankreich noch auf der großen Leinwand. Die Regisseurin Keene ist aber schon 2004 gestorben.

THE JUNIPER TREE beruht auf dem Märchen „Von dem Machandelboom“ der Brüder Grimm, das die Geschichte einer bösen Stiefmutter erzählt, die dem ungeliebten Stiefsohn mit einem schweren Truhendeckel den Kopf abhaut, die Leiche auf einem Stuhl platziert, den Kopf oben drauf setzt und die leibliche Tochter dazu anstiftet, dem Jungen einen kleinen Schlag auf die Wange zu geben, damit der Kopf herunterfällt und das Mädchen denkt, es selbst sei die Schuldige. Zu allem Überfluss wird der Junge auch noch zu Suppe verarbeitet, die der Vater mit Appetit isst. Die Stiefschwester begräbt die Knochen unter dem Wacholderbaum, wo das Grab der Mutter des Jungen ist. Dieser kehrt wieder als Vogel und verbreitet in Versen überall die Untat der bösen Stiefmutter, die am Ende einen verdienten, brutalen Tod stirbt: 

Mein Mutter, der mich schlacht’,

mein Vater, der mich aß,

mein Schwester, der Marlenichen,

sucht alle meine Benichen,

bind’t sie in ein seiden Tuch,

legt’s unter den Machandelbaum.

Kywitt, kywitt, wat vör’n schöön Vagel bün ik!

THE JUNIPER TREE verzichtet auf diesen Horror der Schockmomente und ersetzt ihn durch eine ambivalente Stimmung, durch Abstrahierung und eine unheimliche Sanftheit, sodass aus dem Grimm-Schrecken eine Art Mystery-Grusel wird. Aus dem brutalen Mord der Stiefmutter wird ein psychisch geschicktes Hineintreiben in den Tod. Nicht der ganze Körper von Jonas wird verkocht, sondern nur ein Finger. Und die Stiefmutter-Hexe ist schlau: Ein Zauber macht den Jungen auf ewig stumm. Ein poetisch-morbides Bild zeigt die Leiche am Grund eines Flusses, kleine Fische umschwimmen ihn, stupsen ihn an. Und während bei den Grimms alles innerhalb eines Dorfes stattfindet, handelt es sich hier um eine unheimlich isolierte Welt, abgeschlossen, scheinbar entfernt von allen anderen, ohne feste Bezugspunkte.

Und ist die Zeitangabe für das Märchen „vor 2000 Jahren“, also eine vorchristliche Zeit, ist der Film an der Grenze zwischen altem und neuem Glauben angesiedelt. Die große Schwester kann scheinbar nur bösen Zauber. Was ihr fehlt, sind visionäre Kräfte, die Margit hat, die aber mit all dem Zauber nichts zu tun haben will. Man sieht sie das Vaterunser beten, gefolgt von einem wiederholten Kamerablick durch das Kreuz eines kleinen Fensters mit unklarer Scheibe. Margit sieht zwar Dinge, weiß aber nicht, was sie bedeuten. Sie hat eine Vision von einer Gestalt durch Feuer hindurch, am Horizont, die sie dann als ihre Mutter erkennt. Doch die Toten sprechen nicht.

Statt der bösen Stiefmutter stellt die Geschichte die abwesende Mutter weit in den Vordergrund, sowohl für Jonas als auch für Margit. Jonas wehrt sich gegen die Stiefmutter, weil er den geistigen Kontakt zur Mutter behalten will. Er will glauben, dass sie immer noch da ist und steigert sich im Widerstand gegen die Stiefmutter, die Hexe, immer mehr hinein. Margit hat diese Visionen von ihrer Mutter, die wirkt wie eine Erscheinung aus einer anderen Dimension mit einem schwarzen Loch im Bauch, in das Margit greift, sodass ihre Hand verschwindet. Margit steht zwischen den Welten, jenseits von allem. Sie gehört nirgendwo hin und sieht immer nur das Gute. Wie im Märchen taucht der Vogel auf, aber er bleibt stumm, und selbst wenn es Jonas ist: Wer sollte sich seine Beschuldigungen anhören? Da ist niemand, und der Vater ist rettungslos erotisch verhext und folgt der Mörderin. Am Ende sind der Vogel und Margit am Wacholderbaum einsam und allein. Die Erwachsenen sind mit ihrer Besessenheit beschäftigt.

 

Weiterlesen:

Von dem Machandelboom. Ein Märchen der Brüder Grimm